Service mit Lerneffekt
Lebenshilfe qualifiziert Praktikanten für den Arbeitsmarkt
Muffin, Müsli, Brezel und Brötchen: Die Lebenshilfe bietet in der Volkshochschul-Cafeteria alles für ein Frühstück. Und ermöglicht jungen Menschen mit Handicaps den Einstieg ins Arbeitsleben.
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| Ob süß oder salzig: Im „Café Bohne“ in der Volkshochschule findet jeder Frühstückstyp etwas für seinen Geschmack. Die Praktikantin Birsen Balci (rechts) sammelt dort erste Erfahrungen in der Arbeitswelt, unterstützt von einem Jobcoach und angeleitet von Lebenshilfe-Mitarbeiterin Karin Simon (Zweite von rechts). Bild: Metz |
Tübingen. Auf den Tischen liegen farbenfrohe Decken. Darauf stehen Töpfe mit Frühlingsblumen. Ob Integrationskurs oder Frauenakademie: Während der Pausen stehen Kursteilnehmer/innen an, um Tee zu ordern und sich ein belegtes Vollkornbrötchen auszusuchen.
Birsen Balci muss den Überblick behalten. Die 21-jährige Praktikantin sorgt mit ihrem Jobcoach Claudia Remler und der Lebenshilfe-Mitarbeiterin Karin Simon dafür, dass alle Wünsche schnell erfüllt werden. Im Angebot sind Bio-Produkte, perspektivisch soll im Café fair gehandelte Ware verkauft werden.
„Akademie für Qualifikation und Arbeit“ heißt der neue Zweig im Bereich „Berufliche Bildung“ der Lebenshilfe. Das vom Europäischen Sozialfonds und der Agentur für Arbeit mitfinanzierte Projekt soll junge Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten oder Behinderungen „fit für den Job“ machen. Ziel ist, dass sie einen Arbeitsplatz auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt finden. Die Hauswirtschaft ist ein Sektor, in dem das nach den Erfahrungen der Lebenshilfe immer wieder gelingt.
Werktags von 8 bis 11 Uhr ist das „Café Bohne“ geöffnet. Wenn die ersten Kursteilnehmer oder Nachbarn aus dem Lorettoviertel ihre Bestellung aufgeben, hat Birsen Balci schon das Müsli gemischt, die Brötchen vom Südstadt-Bäcker Fischer mit Belag versehen und das Obst drapiert. Ihr mache „alles Spaß“, sagt sie – vom Service bis zum Einräumen der Spülmaschine. Doch am liebsten bereitet sie Tee zu, egal ob mit Frucht- oder Kräutergeschmack, ob grün oder schwarz. Sie hat Mitte März angefangen. Das Praktikum geht über ein Vierteljahr.
Das Projekt läuft zunächst bis Ende Mai diesen Jahres. Es soll sich selbst tragen, so die Erwartung. Die Preise sind moderat. Ein Becher Kaffee beispielsweise kostet einen Euro. Volkshochschul-Leiterin Susanne Walser ist eine begeisterte Kundin: „Ich freue mich jeden Morgen.“
Die Cafeteria bietet genau das, was 80 Kursteilnehmer sich bei einer Befragung gewünscht hatten. Auch Joghurt und Mineralwasser. Nur mit Cappuccino kann das Café Bohne bisher nicht aufwarten. Dazu bräuchte es eine Profi-Kaffeemaschine, die sich das Projekt nicht leisten kann. Brigitte Krehl und Maria Semmler, bei der Lebenshilfe zuständig für die „Berufliche Bildung“, hoffen auf eine Spende.
Die Cafeteria ist eine Art Lernwerkstatt. Dort erleben die Praktikanten, was in der Arbeitswelt auf sie zukommen kann. Etwa den Stress, wenn sich an der Theke Schlangen bilden. Semmler und Krehl geht es nicht nur um richtige Handgriffe bei den Arbeitsabläufen. Das Praktikum vermittle auch Sicherheit im Umgang mit Menschen und befähige dazu, sich auf neue Aufgaben einzustellen. „Diese Ansprüche zu erfüllen“, sagt Lebenshilfe-Geschäftsführerin Antonie Platz, „kann man nur im direkten Umgang lernen.“ Parallel gibt es Schulungen, mit Theorie und Rollenspielen. Weitere Praktika sollen folgen.
Der Wirtschaftskontrolldienst hat die Cafeteria geprüft. Birsen Balci hat eine Hygienebelehrung beim Gesundheitsamt und eine Hygieneschulung bei der Lebenshilfe absolviert. Um 11 Uhr ist der Ansturm vorüber. Dann geht es ans Reinemachen und Aufräumen. Die 21-Jährige holt Blumen und Decken von den Tischen und verstaut sie. Bis zum nächsten Öffnungstag.
Info
Wer ehrenamtlicher Jobcoach werden möchte,
kann sich unter Telefon 0 70 71/ 94 40 62 melden.